Quelle: ADFC Radwelt Nov/Dez
6/2002
Fahrrad-Service in der Hauptstadt
Eine Gazelle zum Kaffee
In Berlin sind viele neue Fahrradjobs entstanden
- mit attraktiven Serviceleistungen. Für die Arbeitenden selbst sind sie eine
Mischung aus Leidenschaft, Eigeninitiative und einem Schuss Selbstausbeutung.
Ein ganz normaler Arbeitstag in der Hauptstadt.
Im 7.30 Uhr erwacht die Hauptstadt und Michael
Korm schickt ein erstes Lebenszeichen durch den Äther. Mit seinem Codenamen
„Zwo-acht", meldet sich der 24-Jährige Berliner per Funkgerät: „Sitze am
Frühstückstisch." Nicht mehr lange, denn meist schickt ihn seine Firma
innerhalb der ersten halben Stunde auf Tour. Michael Korm ist Fahrradkurier,
einer von ein paar hundert in Berlin.
Den Job macht er seit knapp einem Jahr -
aus Leidenschaft, wie er sagt. „Früher fuhr man mit drei Aufträgen gleichzeitig
durch die Stadt", sagt er, „heute bin ich froh, wenn überhaupt eine
Sendung in der Tasche ist." Die Zeiten, in denen Kuriere das schnelle Geld
machen konnten, sind vorbei. Wer sich ranhält, verdient bis zu 2.000 Büro im
Monat, Michael kommt gerade auf die Hälfte. Und dafür muss er extrem flexibel sein.
„Marketing in eigener Sache" gehört heute dazu - Klinkenputzen und
Visitenkarten-Verteilen. Und auch Billig-Aufträge für ein paar Euro übernimmt
er. „Das richtige Geld wird erst im Winter verdient", sagt Michael Korm,
dann ist die Konkurrenz kleiner.
Die Velotaxen
Während Michael sich in der City eine
Mittagspause gönnt, beginnt für Boris Kolipost der Arbeitstag mit Rangieren.
120 Kilo wiegt so ein Velotaxi und viel Platz ist nicht, um die 40 Gefährte mit
ihren sperrigen Kunststoffschalen aus dem Depot in Berlin-Mitte zu manövrieren.
Der 34-Jährige Kolipost ist einer von 250 Berliner Rikscha-Fahrern. Wie die
Fahrradkuriere arbeitet auch er selbständig, leiht sich das Rad von einer Firma
aus. Abgeben muss er vom Umsatz nichts. „Was wir einfahren, gehört ganz uns",
sagt Kolipost. Das sind an guten Tagen 100 Euro, für die man bis zu 50
Kilometer unterwegs ist. Die Firma verdient an großformatigen Bier- und
Parfümanzeigen auf den „rollenden Litfasssäulen" ihr Geld. Immer nur von
April bis Oktober gibt es den flexiblen Nebenjob - und dazu „auch noch
bezahltes Fitnesstraining", sagt Boris Kolipost, der sonst als
Heilpraktiker arbeitet.
Fahrradgastronom Menta
Ein paar Ecken weiter kocht Angelo Menta
Milchkaffee. Die Seitenstraße im Prenzlauer Berg wirkt mittags noch leicht
verschlafen. Angelo (34) ist schon seit dem Morgen auf den Beinen und der
Kaffee ist für seine Gäste, Gäste mit besonderen Wünschen: „Ich brauche einen
neuen Schlauch", bittet eine junge Frau. „DV 17, 28 Zoll", schätzt
Angelo und bringt das Gewünschte. Angelo Menta nennt sich selbst
„Fahrradgastronom" und in der Szenekneipe „Krüger" riecht es nach
Kaffee-und nach Werkstatt. 30 Gebrauchträder stehen hier nicht nur als
Dekoration in der Gegend rum, sondern vor allem zum Verkauf.
Berlins einzige Fahrradkneipe gibt es erst
seit März. Für die Second-Hand-Räder, die billig auf Märkten im Ausland
eingekauft und dann repariert werden, warten Kunden aus der ganzen Stadt: Von
„Gazelle" bis „Nishiki", für 140 bis 600 Euro gehen hier bis zu einem
halben Dutzend Räder am Tag über den Ladentisch. „Früher waren wir reine
Fahrradfreaks, die nur Spaß am schrauben hatten", sagt Angelo, „heute
haben wir unsere Verkaufs-Nische gefunden und zwei Angebote miteinander
kombiniert." Tagsüber bringt der Fahrradverkauf das Geld, abends die Theke
und die macht wiederum neugierig auf die neuen Radangebote.
Call-a-bike
Während sich am späten Nachmittag im
„Krüger" die Plätze füllen, herrscht in der Lagerhalle unter der Berliner
S-Bahn-Trasse Hochbetrieb. Eine neue Ladung „Call-Bikes" ist angekommen,
manche ohne Sattel oder mit verbogenen Speichen. Klaus Rutzmoser repariert mit
neun Kollegen die verschlissenen Leih-Fahrräder, die die Deutsche Bahn im
Angebot hat. 6.000 „Call-a-bike"-Kunden liehen sich bis zum Herbst per Handy
und Kreditkarte ein Rad. Kein Wunder, dass „so ein Projekt auch Vandalismus
anzieht", sagt Klaus Rutzmoser.
400 weitere lädierte Call-Bikes stehen in
der Werkstatt im Tiergarten. Täglich werden es mehr. Doch die werden erst
repariert, „wenn wir wieder etwas Luft haben", sagt Rutzmoser. Wenn sein
Chef nicht da ist, muss der 25-jährige Münchner den Laden schmeißen - und sich
auch um die Organisation kümmern: Vor dem PC sitzen, den Stadtplan mit den
angezeigten Rad-Standorten im Auge haben. Den Erfolg seiner Arbeit sieht
Rutzmoser jeden Tag auf der Straße, wo die etwas klobigen rot-silbernen
Gefährte mittlerweile zum Stadtbild gehören. „Ich finde es spannend, an einem
neuen Mobilitätskonzept mitzuarbeiten", sagt der gelernte Tischler, „zumal
es das erste Mal ist, dass ein Verleih hier im großen Stil überhaupt
funktioniert." Und damit das so ist, arbeitet Rutzmoser lange jeden Tag,
bis zehn Uhr abends.
Christoph Rasch