Thema
Praxistest:
Easy-Liege-Stadtrad mit Riemenantrieb
Es ist wirklich
zum Heulen! Da plädiert unsereins Jahr für Jahr dafür, dass bei der Fahrradwahl
vom Nutzer und seinen individuellen Bedürfnissen auszugehen sei (siehe hierzu
besonders den Aufsatz „Die Wechselwirkung zwischen Benutzer
und Verkehrsraum als Entscheidungskriterium bei der Fahrzeug-11",
Pro Velo 52, S. 4 ff) und was findet man als Definition des Begriffs „Stadtrad"?
Lauter objektbezogene Festlegungen:
„Stadträder - Eigenschaften: wendig, nicht zu schwer,
häufig Nabenschaltung mit 3/5/7 Gängen, mehr oder weniger zum Fahrer gebogener
Lenker für relativ aufrechtes Fahren (Übersicht), robuste breite Felgen für
die heißgeliebten Bordsteinkanten (und den Komfort), tragfähiger Gepäckträger
hinten für den gelegentlichen Kasten Wasser, je nach Sportlichkeit des Fahrers
lieber ein Rad mit tiefem Einstieg (Damen- oder Mixedrahmen), um häufiger Auf-
und Absteigen zu erleichtern, je Kettenschutz, desto besser, dito Mantelschutz,
wehrhafte Schlösser, Anhängerkupplung und Anhänger." (www-2.informatik.
umu. se/ /local/faq/radtypen.html)
oder
„Citybike: wie der Name schon sagt, ein Rad für die
Stadt. Kennzeichen: Bequeme Sitzposition, eher aufrecht als gebeugt, 3-, 5-
oder 7-Gang Nabenschaltung, gute Gepäckträger, Laufräder oft 26 Zoll, breit bereift.
Die häufig verwendeten Einrohr-Unisex-Rahmen ermöglichen einfaches und
gefahrloses Auf- und Absteigen und sind - gute Qualität vorausgesetzt -
erstaunlich stabil." (www,quarks.de/fahrrad/k03_04.htm)
Ja, „wie
der Name schon sagt ..."! Begriffe besetzen heißt, das Verhalten der
Menschen zu steuern. Und entsprechend sehen die Stadträder auch aus: Einrohrrahmen
mit tiefem Durchstieg, 26- oder 28-Zoll-Räder, vorne ein schwarzer Drahtkorb,
aufrechte Haltung, neuerdings gehäuft mit gefedertem Hinterrad. Allesamt zum
Verwechseln ähnlich.
Standardisierung
des Fahrzeugs engt den potentiellen Nutzern die Verwendungsspielräume ein. Die
Frage nach dem Stadtrad läßt sich demnach nicht von der Konstruktion her
allgemein beantworten, sondern nur aus der Sicht des Nutzers und seinen
individuellen Mobilitätsbedürfnissen heraus, die sich situativ und temporär
ständig ändern können.
Es gibt immer wieder Enthusiasten, die sich dieser
Uniformität entziehen. Dazu gehört Thomas Senkel, der mit seinem Liege-Stadtrad
„easy" auf dem Markt debütiert. Dabei ist Thomas Senkel kein unbeschriebenes
Blatt. Er studierte an der Uni Oldenburg bei Falk Rieß, der sich seit Jahrzehnten
mit der Fahrradforschung sich einen Namen gemacht hat. PRO-VELO-Lesern ist
Thomas Senkel sicherlich ein Begriff (siehe seine Aufsätze „Plädoyer für einen
guten Reifen", Pro Velo 32; „Federungseigenschaften von Fahrradreifen",
Pro Velo 38; „Bauformen von Liegerädern", Pro Velo 51). Als Dipl.Ing hat
er sich in der Nähe Würzburgs selbständig gemacht und betreibt u.a. ein
Fahrrad-Enwicklungsbüro.
Betrachtet
man das „easy" etwas genauer, so erscheint die Ausgangsthese, es setze
sich von der Uniformität der Stadträder ab, vorschnell zu sein. Sicherlich, als
Liegerad hat es mit den oben skizzierten Standardstadträdern nur wenig gemein.
Aber auch in der Gruppe der Liegeräder gibt es bereits eine ganze Reihe von
Stadträdern: Das Oke-Ja (ProVelo 52), das Flux (ProVelo 55), das „Red
Pepper" (ProVelo 48), das „Adagio" (ProVelo 49). Sehen die nicht auch
alle fast gleich aus? Uniformität auch hier?
In der
Tat, zunächst stechen auch hier eine ganze Reihe von Ähnlichkeiten ins Auge:
Tretlager meist über dem Vorderrad, geschwungener Einrohrrahmen, oben liegender
Lenker, meist kleines 16-Zoll- Vorderrad, größeres 20-Zoll-Hinterrad. Dieser
Standard ist von den spezifischen städtischen Verwendungen herausgemendelt
worden: Das Fahrzeug muss kompakt sein, damit es sich verstauen und evtl. mit
diversen anderen Verkehrsmitteln im Huckepack (Bahn, Auto) transportieren
läßt, es muss wendig sein, man muss es „an der Hand" gegebenenfalls durch
die Fußgängerzone schieben können, die Sitzhöhe muss Übersicht gewähren, in
unterschiedlichen Situationen muss der Nutzer sein Rad sicher handhaben
können, es muss sich zuverlässig und gutmütig bremsen und beherrschen lassen:
Mithin ein umfangreicher Anforderungskatalog, der zur konstruktiven Gleichform
geführt hat.
Hat auch
hier die Standardisierung zu einer Einschränkung der Verwendungsmöglichkeiten
geführt? Es ist ein deutlicher Unterschied zwischen dem traditionellen Rad
und dem Liegerad herauszustellen: Hat sich ein Käufer für ein bestimmtes
traditionelles Rad entschieden, so hat er sich für immer und ewig an die Rahmengröße,
einer entscheidenden Größe für die „Paßgenauigkeit" des Fahrrades,
festgelegt. Ein Liegerad ist in dieser Hinsicht viel variabler: Das
„easy" kann z.B. von Menschen mit einer Körpergröße von 1,45 bis 2 Metern
gefahren werden, also vom Spätkindesalter bis ins Erwachsenendasein, und die Anpassung
erfolgt ruck zuck mit zwei Klemmverschlüssen - mit einem traditionellen Rad
ist dies undenkbar. Ferner sind die Liegestadträder, von denen hier die Rede
ist, nicht länger als traditionelle Räder mit großen Laufrädern, aber sie sind
viel flacher und lassen sich dadurch einfacher handhaben: Für den Transport
mit dem Auto, bei der Mitnahme über Treppenstufen in Bahnhöfen oder beim
Verstauen im Keller. Dies einfachere Handling wird entscheidend unterstützt
dadurch, dass dort, wo man das Rad greifen will, sich auch tatsächlich etwas
zum Greifen findet, nämlich ein Rahmenrohr, und in der Regel auch noch mit der
richtigen Schwerpunktlage, dass sich das Fahrzeug ausbalanciert
transportieren läßt. All dies sind Vorteile des Liegestadtrades, dessen Verwendung
sich dadurch viel variabler gestalten läßt als mit einem traditionellen Rad.
Bei genauerem Hinsehen läßt sich beobachten, dass trotz der auf den ersten
Blick erscheinenden Gleichform zwischen den verschiedenen Stadtliegerädern es
z.T. auch gravierende unterschiede gibt - und beim „easy" gibt es eine
ganze Reihe von Besonderheiten, die es aus der Klasse seiner Konkurrenten
heraushebt. Das auffälligste Merkmal ist dabei der Riemenantrieb. Der technisch
Versierte wird dabei stutzen und den geringeren Wirkungsgrad des Riemenantriebs
gegenüber dem Kettenantrieb als Manko herausstellen. Dies ist im Prinzip
richtig, dieser Nachteil dürfte sich jedoch vor allem auf Langstrecken
bemerkbar machen - für die das „easy" jedoch nicht gedacht ist. Auf
seinem Terrain - der Kurz- und Mittelstrecke im innerstädtischen Bereich -
überwiegen die Vorteile.
Durch den
verwendungsgemäß bedingten Zwang zur kompakten Bauweise befindet sich bei
Liegestadträdern das Tretlager über dem Vorderrad - mit dem Manko, dass der
Kettenzug ziemlich weit oben und frei geführt werden muss. Dies ist eine Quelle
ewiger Ärgernisse: Die Bekleidung verschmutzt ständig, beim Transport in der
Bahn oder mit dem Auto sind Schmierereien vorprogrammiert. Dem wird in der
Regel dadurch abgeholfen, ( die Kette durch Rohre geführt wird, was
aber nur die Schmutzquelle begrenzt, aber nicht vollständig beseitigt. Der
Riemenantrieb ist für dies Problem jedoch die elegantere Lösung: Dem Problem
wird mittels des Riemensantriebs an der Quelle begegnet.
Mit einem Stadtrad muss häufig verkehrsbedingt angehalten, für Besorgungen häufig ab- und aufgestiegen werden. Um diese Manöver zu erleichtern, sind tiefe Durchstiege wünschenswert. Dies ist auch der Grund, weshalb bei Cityrädern herkömmlicher Bauart sich der Einrohrrahmen durchsetzt. Bei einem Liegerad ist es ungemein schwerer, diese Anforderung umzusetzen. Wie beim „easy" zu sehen ist, ist es durchaus möglich, den Rahmen nach unten zu ziehen, prinzipiell wäre ein noch stärkerer Schwung möglich. Andererseits würde das hinsichtlich des Wunsches nach freiem Durchstieg nichts bringen, denn der Kettenzug macht den Raumgewinn wieder zunichte. Abhilfe könnte dann ein tiefer gelegtes Tretlager bringen, das wiederum die Bauform des langen Liegerades erzwingen würde, das wiederum als Cityrad sehr sperrig wäre. Eine andere Alternative wäre es, die Kette resp. den Zahnriemen umzulenken, was wiederum neue Probleme hervorrufen würde. Zum einen wäre ein weiteres Lager notwendig, des weiteren änderte sich die Zugrichtung der Kette auf den Hinterradritzel. Dies würde eine vollständig andere Hinterbaugeometrie erfordern, um die gewünschte Entkopplung zwischen Federung und Antrieb zu erhalten.
Jedem Fahrzeug liegt eine Grundphilosophie zugrunde, von
der ausgehend bei anderen Kriterien Kompromisse gemacht werden müssen. Zur
Grundphilosophie des easy's gehört die Bequemlichkeit und die
Alltagstauglichkeit. Die aufrechte Sitzposition des Liegerades ist Garant für
eine bequeme Fahrweise. Der einfach konzipierte Sitz besteht aus einem
Aluträger, auf dem Alubleche als Sitzfläche und Rückenlehne aufgenietet sind.
Die Auflageflächen sind mit 2 cm starken Schaumgummimatten gepolstert. Trotz
seiner simpel anmutenden Konstruktion läßt sich auf ihm das easy angenehm
durch den innerstädtischen Verkehr lotsen. In aufrechter Haltung behält man
den Überblick, von ihm aus sind die Bedienungselemente am Lenker sicher zu
erreichen. Das herausragende Merkmal des Sitzes ist seine stufenlose
Verstellmöglichkeit. Wie ein Schlitten läßt sich der Sitz auf dem Alurahmen verschieben
und mittels zweier Schnellspanner sicher arretieren. Laut Herstellerangaben
ist das Fahrzeug hierdurch für Körpergrößen von 1,45 bis 2,00 Meter geeignet,
d.h. dass es bereits für die Nutzung durch Jugendliche in Frage kommt. Besonders
herauszuheben ist hierbei, dass, je weiter der Sitz nach hinten geschoben wird,
desto höher gelangt er. Das bedeutet, dass nicht nur eine Längenanpassung nach
vorne zum Tretlager, sondern auch eine Längenanpassung zur Fahrbahn erfolgt.
Die für diesen Typ Liegerad geradezu tiefe Lage des Tretlagers (50 cm)
garantiert eine sichere und flexible Verwendung des Fahrzeugs im innerstädtischen
Verkehr.
Das
„easy" ist mit einer Hinterradfederung ausgerüstet. Der hydraulische
Federdämpfer ist standardmäßig für ein Fahrergewicht von 80 kg ausgelegt.
Durch den weit zurückliegenden Schwerpunkt reicht diese Federung aus, um die
Fahrbahnstöße soweit zu entschärfen, dass der Radler sie kaum spürt. Die
fehlende Vorderradfederung macht sich lediglich in Stößen am Lenker bemerkbar,
denn das kleine Vorderrad reagiert äußerst sensibel auf Fahrbahnunebenheiten.
In der
Fachpresse wird derzeit heftig darüber diskutiert, ob bei gefederten Fahrzeugen
der Gepäckträger ungefedert auf der Federschwinge montiert oder gefedert mit
dem Hauptrahmen verbunden sein soll. Beim easy ist als Gepäckträger eine Kunststoffplatte
auf dem Hauptrahmen montiert, auf die sich die unterschiedlichsten
Transportkomponenten mit einem einfachen Klick befestigen lassen (Klickfix-System):
Gepäckbox, Kindersitz oder Gepäcktaschen. Diese variablen Möglichkeiten
verbieten es auch, das Gepäcksystem ungefedert zu lassen, denn wer möchte erschütterungsfrei
dahinrollen, der Nachwuchs wird jedoch von jedem Schlagloch
durcheinandergerüttelt? Mit seinem ausgeklügelten Gepäcksystem unterscheidet
sich das „easy" von vielen Konkurrenten. Dank seines kleinen Hinterrades
liegt der Gepäckträger beim „easy" tiefer als bei einem ungefederten
traditionellen Rad, erst recht tiefer als bei einem gefederten. Die im Vergleich
zum beladenen traditionellen Rad tiefere Schwerpunktlage führt zu einem stabileren
Fahrverhalten.
In vielen
Artikeln habe ich mich dafür stark gemacht, dass die Alltagstauglichkeit eines
Rades auch davon abhängt, wie schnell ich es ab- und anschließen kann. Beim
„easy" sehe ich diesen Wunsch serienmäßig erfüllt. Es sind hier zwei
Schließsysteme integriert: Mit einem Rahmenschloß läßt sich das Hinterrad
fixieren (Rahmensperre), ins Schloß läßt sich aber auch ein Stahlseil
einrasten, mit dessen Hilfe ich das Rad an einem Mast, Baum oder Gitter
anschließen kann.
Systembedingt
(Riemenantrieb) besteht das Schaltungssystem aus einer Nabenschaltung. Dies
unterstreicht die „easy"-Philosphie, einfach zu bedienen und wartungsarm
zu sein. In der Vergangenheit mußte dies mit Zugeständnissen im
Schaltungsbereich und bei den Gängen erkauft werden. Unabhängig von der Frage,
wie viele Gänge man wirklich braucht, wird die Vielzahl der Gänge bei einer
Kettenschaltung mit hohem und empfindlichem technischem Aufwand erkauft. Auf
der anderen Seite hat sich in den letzten Jahren die Nabenschaltungstechnik
derart rasant entwickelt, dass mit ihr viele Schaltungsanforderungen sich
erfüllen lassen. Für das „easy" ist einschränkend festzustellen, dass
nicht alle Möglichkeiten der Nabenschaltungstechnik ausgereizt werden können,
da es nur eine begrenzte Auswahl an Riemenscheiben auf dem Markt gibt. Wenn wir
die Entfaltungstabelle der Schaltungssysteme des „easy's" (das easy ist in
der Standardausführung mit der Nexus 4-Gang, in hochwertigeren Ausführungen
mit der Nexus 7-Gang mit oder ohne Mountain-Drive ausgestattet) mit denen der
im vorletzten Heft vorgestellten Reiseräder vergleichen (siehe Tabelle), so
sind mit der Nexus 4 nur mittlere Entfaltungen drin, d.h., das Rad ist für
beschauliches Fahren ohne extreme Steigungen vorgesehen. Gerade bei einem
Stadtrad, wenn mal größere Lasten transportiert werden müssen und wenn es dann
gar bergauf geht, wäre der untere Entfaltungsbereich besonders gefordert. Die
Version mit der Nexus 7 erfüllt auch diese Wünsche. Ob dann die Version mit dem
Mountain-Drive notwendig ist, ist dann eher Geschmacksache - oder die des
Geldbeutels. Jedenfalls wird mit dieser Version das obere - schnellere
Spektrum abgedeckt - ein Spektrum, für das das „easy" von Hause aus im
Grunde nicht gedacht ist.
Als
Bremsen sind die Rollerbrakes von Shimano vorne und hinten verbaut worden - und
die Stehen als geschlossenes System für Wartungsfreiheit und Funktionstüchtigkeit
- ein weiteres Indiz für die Umsetzung der „easy"-Philosophie. Allerdings
müssen diejenigen, die die Bissigkeit der V-Brakes gewohnt sind, sich
umstellen. Die verzögerte und etwas schwammige Wirkung ist gewöhnungsbedürftig.
Bei der
Beleuchtung habe ich leider einen Bruch zu dem Anspruch, möglichst
wartungsarme und geschlossene Komponenten zu verbauen, registrieren müssen.
Als Lichtmaschine werkelt in der preiswerten „easy"-Version ein
Standard-Union-Dynamo. Konsequent wäre ein formschlüssiger Dynamo, der läßt
sich derzeit aber einerseits nicht mit den anderen Komponenten
(Nabenschaltung, Rollerbrakes) kombinieren, andererseits hätte er zumindest
den preislichen Rahmen des Grundmodelles gesprengt.
Fazit: Das „easy" ist ein mittellanges bequemes
Liegerad mit Tretlager über dem Vorderrad für den Verkehr auf kurzen und
mittleren Distanzen. Es ist besonders auf Alltagstauglichkeit hin konzipiert.
Dazu gehört nicht nur der fahrerische Einsatzzweck, sondern besonders die
Pflegeleichtigkeit und Wartungsarmut der Komponenten. Unter diesem Aspekt ist
das „easy" seiner Konkurrenz einen großen Schritt voraus, (bf)
pro
velo 58